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31.10.2004
Persönlichkeiten werden immer wichtiger: Diskussion über Politiker und ihr Privatleben

Foto: Andreas Fischer
Am 31. Oktober hatte der Presseclub gemeinsam mit der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck und dem Staatstheater Kassel zur Diskussion über "Politiker und ihr Privatleben - von Philipps Zweiter bis Fischers Fünfter" geladen. Die öffentliche Veranstaltung in der documenta-Halle im Rahmen des Philipps-Jahres fand reges Interesse. Über die Podiumsdiskussion berichtete die HNA:
Von Ulrike Pflüger-Scherb
KASSEL. Es war ein Skandal, als im Frühjahr 1540 bekannt wurde, dass der hessische Landgraf Philipp - verheiratet - eine zweite Frau ehelichte. Kein Ereignis aus Philipps Regentschaft (er führte die Reformation in Hessen ein) sei so präsent geblieben, wie diese bigamistische Verbindung. Bis zum heutigen Tag überlagere sie seine historische Leistung, erläuterte Prof. Dr. Hans Schneider, Kirchenhistoriker an der Uni Marburg.
Unter dem Titel "Politiker und ihr Privatleben - von Philipps Zweiter bis Fischers Fünfter" hatten gestern die evangelische Landeskirche, der Presseclub Kassel und das Staatstheater zu einer Podiumsdiskussion in die documenta-Halle eingeladen, um über Politiker und die Bedeutung ihres Privatlebens in der Öffentlichkeit zu reden. Moderiert von Karl Waldeck, Sprecher der Landeskirche.
Eine, die keine Probleme in dieser Hinsicht mit der Presse hat, ist Bundestagsvizepräsidentin Dr. Antje Vollmer. Sie habe von Anfang an darauf geachtet, dass nichts Privates von ihr in die Öffentlichkeit gelange. Politiker dürften aber nicht glauben, dass sie einmal der Presse Einblick in Privates gewährten und dann den Deckel wieder draufmachen könnten.
Auf die schriftliche Selbtsverpflichtung im Pressekodex, dass "das Privatleben von öffentlichen Personen uns nichts angeht", machte Tagesspiegel-Redakteurin Tissy Bruns aufmerksam. Auch wenn es hier zu Lande noch große Unterschiede zu den USA und Großbritannien gebe, bröckele diese Selbstverpflichtung. Das Interesse an den Politikern als Personen werde größer. Das liege auch daran, dass sich die großen Parteien in ihren Programmen nicht mehr unterschieden.
Während der Amtszeiten von Adenauer und Brandt hätten die politischen Inhalte die Bevölkerung noch gespalten. Diese Inhalte entfielen heute, die Persönlickeiten rückten dafür in den Vordergrund, sagte Psychoanalytiker Micha Hilgers. Privates, wie beispielsweise das Sexualleben, müsse weiterhin tabu bleiben. Fragen nach der Persönlichkeit müssten allerdings erlaubt sein. Die Menschen wollten wissen, wie glaubwürdig, handlungsfähig und verlässlich Politiker seien.
Manche Politiker, wie zum Beispiel der ehemalige Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, der sich mit seiner Lebensgefährtin im Pool turtelnd in der Bunten abdrucken ließ und die Presse instrumentalisierte, hätten an ihrem politischen Schaden selbst Schuld, sagte Staatstheater-Intendant Thomas Bockelmann.
Gleichzeitig kritisierte er den Umgang mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton in der Lewinsky-Affäre. Mit gleicher Intensität hätte ein Untersuchungsausschuss sich lieber damit befassen sollen, was die Regierung Bush über Massenvernichtungswaffen im Irak wusste, sagte Bockelmann.
Das Thema Politiker und Moral dürfe nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden, forderte Bischof Dr. Martin Hein. Damit meine er aber nicht das Sexualleben von Politikern. Vielmehr forderte er Moral für Bereiche der Politik, wie zum Beispiel sozialer Ausgleich oder die Entwicklung der Gesellschaft.
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