Bild 'Rückblick'

26.11.2007
Roger M. Buergel im Presseclub: Keine documenta für Schickeria



Im Gespräch mit Rainer Schumann: Roger M. Buergel und Bernd Leifeld (v.r.n.l.). Foto: Socher

Von Mark-Christian von Busse

Kassel. Eine verblüffende Erklärung gab Roger M. Buergel, künstlerischer Leiter der documenta 12, am Donnerstagabend in einer Veranstaltung des Kasseler Presseclubs im Gleis 1 für seine Attacke auf die Medien im „Spiegel“. Der 45-Jährige hatte die documenta-Kritiker im September als „Lynchmob“ und „ratlose, auf Reflexe getrimmte Kaninchen“ bezeichnet.

Sein Rundumschlag sollte dem „Betriebsklima“ im documenta-Team dienen, sagte Buergel. Die negative Medienkritik habe die Stimmung bei den Angestellten, die sowieso von morgens bis abends angepöbelt worden seien, zu „kolonialisieren“ gedroht. Deshalb habe er ein Zeichen setzen, dieses im „Spiegel“ „strategisch platzieren“ und sich so vor sein Team stellen müssen. „Und da wählen Sie ein internationales Magazin, um Ihre Mitarbeiter zu beruhigen?“, fragte Moderator Rainer Schumann ungläubig nach. Buergel: „Das war der direkteste und effizienteste Weg.“

Was er anders machen würde? „Nichts Wesentliches.“ Nur das schlechte Wetter sei der d 12 abträglich gewesen. Was bleibe? „Die Erinnerung“, erwiderte Buergel, an Euphorie, Dramen, Krisen, Aufregung und den „kompletten Absturz“ am 24. September. Eine unendliche Müdigkeit. Angenehme Verwirrung. Und die Erfahrung, dass Dinge funktionieren, „die vage scheinen, aber nur wagemutig sind“.

Die Dynamik, mit der im Magazin-Projekt, mit den Lunch Lectures und im documenta-Beirat eine eigene Öffentlichkeit entstanden sei, werde weiterleben. All das fortzuführen, sei aber nicht mehr seine Aufgabe. Jetzt werde der Stab weitergereicht.

Noch einmal verteidigte Buergel die „Baumarkt-Ästhetik“ des Pavillons: „Es ist nicht die Zeit für Architektur-Exhibitionismus.“ Fürchterliche Lobby-Architektur passe nicht zu Kunst, die „prekären Existenzzusammenhängen“ entstamme. Er habe nicht „auf Schickheit getrimmte, gierige Erlebnissucher“ oder das angestammte Kunst-Establishment bedienen, sondern eine „Ausstellung für alle“ machen wollen. Deshalb habe er keinen schmucken, geschleckten Schnickschnack, sondern ganz pragmatisch und für wenig Geld für ein großes Publikum Platz schaffen müssen.

Das Fernbleiben des Starkochs Ferran Adrià habe dem Publikum die bittere Lektion erteilt, „dass nicht alles für alle jederzeit zu haben ist. Man ist komplett unerwachsen, wenn man das nicht kapiert“. Bill Gates versuche seit drei Jahren, einen Tisch in Adriàs Restaurant zu bekommen - „aber Leute aus Kassel waren da“.

Lebendigkeit, Experimente, Improvisation seien geradezu eine ethische Pflicht für die documenta, damit sie „nicht wie weiland Rom in ihrer Monumentalität erstarrt“, sagte Buergel. Es sei die Stärke der documenta, bekräftigte deren Geschäftsführer Bernd Leifeld, sich „jedes Mal aufs Neue zu definieren“, auch immer neu zu provozieren. Ein neuer documenta-König werde wieder „alle Möglichkeiten und keinerlei Verpflichtung“ haben. Buergel habe die documenta weitergebracht. „Ich habe einen 100-tägigen Festsommer gehabt“, sagte Leifeld. Eine Einschätzung, die die überwiegende Zahl im Publikum teilte.


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